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06.11.2011

Den Getöteten einen Namen geben

Genau 70 Jahre nach der Ermordung von 70 sowjetischen Kriegsgefangenen im SS-Sonderlager/KZ Hinzert haben Historiker in der Gedenkstätte an Einzelschicksale erinnert. Diese stammen hauptsächlich aus der Zeit zwischen 1941 und 1945, aber auch danach.

Die Referenten der zweiten Fachtagung in der Gedenkstätte Hinzert. Unser Foto zeigt Leiterin Beate Welter (Zweite von rechts) mit Gabriele Hammermann, Leiterin KZ-Gedenkstätte Dachau, Dieter Schiffmann, Direktor Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz, Ulrike Goeken-Haidl, Pressesprecherin Stadt Nürnberg, und die wissenschaftlichen Mitarbeiter Lars Thiele, Stiftung Sächsische Gedenkstätten, und Jens Binner, Stiftung Lager Sandbostel. TV-Foto: Ursula Schmieder

Aus unterschiedlichen Blickwinkeln haben Fachleute aus der ganzen Bundesrepublik das Schicksal sowjetischer Kriegsgefangener beleuchtet. Dabei standen in der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert vor allem die Kriegsjahre 1941 bis 1945 im Fokus. Dass auch darüber hinaus das Leiden für viele Menschen weiterging, ist angesichts der in den Straf- oder Konzentrationslagern verübten Gräueltaten vielfach in den Hintergrund gerückt. Doch die Repatriierung von Sowjetbürgern nach dem Zweiten Weltkrieg setzte deren leidvollen Schicksalsweg häufig fort, machte Ulrike Goeken-Haidl, Pressesprecherin der Stadt Nürnberg, deutlich. Wer Zwangsarbeit, KZ oder Straflager überstanden hatte, musste sich nach 1945 mitunter einem "staatlich institutionalisierten Misstrauen" unterziehen.

Beate Welter, Leiterin der Gedenkstätte Hinzert, zeigte das Schicksal der 70 sowjetischen Kriegsgefangenen, die in Hinzert in einer einzigen Nacht mit Zyankalispritzen getötet wurden. Die Staatspolizei Koblenz hatte die Männer unter 300 Soldaten eines Arbeitskommandos am Truppenübungsplatz Baumholder ausgewählt. Sie wurden am Abend des 16. Oktober 1941 abgeholt, kamen nach Einbruch der Dunkelheit im nächstgelegenen KZ Hinzert an und wurden noch in der Nacht in Massengräbern verscharrt. Die Namen der Männer fehlen auf der Friedhofssteintafel mit den Toten des Lagers - ebenso andere Opfer wie ein Trierer Kommunist.
 
Erst in den frühen 1980er Jahren wurde laut Welter auf Initiative einer Projektgruppe des Gymnasiums Hermeskeil ein Gedenkstein gesetzt - nahe der Grube, in der die 1946 exhumierten Leichen verscharrt worden waren. Inzwischen sei es sogar gelungen, 13 von ihnen Namen zuzuordnen. In einem Archiv des Sowjetischen Geheimdienstes KGB in Podolsk (Russland) waren Karteikarten mit entsprechenden Informationen aufgetaucht. Dass das erst vor knapp zehn Jahren gelang, zeigt, wie wichtig Gedenkstättenarbeit ist.
 
Die Gedenkstätte Hinzert wolle nicht nur zeigen, was dort geschehen sei, sondern auch "diesen Menschen Namen geben", sagte Dieter Schiffmann, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz. Das sei originärer Auftrag der Gedenkarbeit, die der "kollektiven Verdrängung" solcher Schicksale entgegenwirken wolle.
 
Weitere Referenten der zweiten Fachtagung waren Gabriele Hammermann, Leiterin KZ-Gedenkstätte Dachau, Jens Binner, Gedenkstätte Sandbostel (Raum Bremen), und Lars Thiele, Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Hammermann referierte über die Aussonderung und die Schicksale sowjetischer Kriegsgefangener in Dachau, Binner über Verwaltung, Arbeitseinsatz und Massensterben im Lager Sandbostel und Thiele über Archivsituation und Forschungsergebnisse.

Extra

Die Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert erinnert an die Opfer des ursprünglichen "Polizeihaftlagers für straffällige Westwallarbeiter". Mindestens 321 Menschen aus Luxemburg, Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Polen kamen dort nachweislich zwischen 1939 und 1945 ums Leben. Tatsächlich waren es wohl weit mehr. Sie wurden ermordet oder starben an Krankheit, Entkräftung oder Hunger. Ab 1940 war Hinzert ein Durchgangslager für Deportationen nach Buchenwald, Dachau oder Natzweiler (Frankreich). Am 3. März 1945 wurden Überlebende eines Gewaltmarschs nach Buchenwald befreit, wenige Tage später die im Lager. An die Opfer erinnern heute Ehrenfriedhof, Kapelle, Kreuz und das Mahnmal des ehemaligen luxemburgischen Häftlings Lucien Wercollier. Das 2005 eröffnete Dokumentations- und Begegnungshaus besuchten in den ersten fünf Jahren mehr als 50 000 Menschen.