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14.11.2011

Nachruf zum Tod von Philipp Benz am 13. November 2011

Philipp Benz, womöglich der letzte Zeitzeuge, der als Häftling des frühen KZ Osthofen aus eigenen Erfahrungen über dieses Konzentrationslager berichten konnte, ist am Sonntag verstorben. Er starb in Darmstadt-Arheilgen, so wie er es sich gewünscht hat, in seiner Wohnung in den frühen Morgenstunden des 13. Novembers.

Portraitbild

Geboren wurde er am 13. März 1912 in Arheilgen. Er wurde politisch geprägt vom Scheitern der Weimarer Republik, der Niederlage der Arbeiterparteien und den Schrecken der NS-Diktatur. Nach Beendigung der Volksschule in Arheilgen begann er eine Maurerlehre und besuchte die Baugewerbeschule. Gleichzeitig trat er der Baugewerkschaft sowie der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) bei. Sein politisches Interesse war geweckt, er setzte sich intensiv mit den Texten von Marx, Engels und Lenin auseinander. Auch für geschichtliche Themen von den Bauernkriegen bis zur Neuzeit interessierte er sich brennend. 1930/31 wechselte er zum Kommunistischen Jugendverband (KJVD) und trat der KPD und der Roten Hilfe bei. Nach seiner Abschlussprüfung als Hochbauingenieur im Jahre 1932 war er zunächst arbeitslos. Infolge seiner antifaschistischen Tätigkeit in verschiedenen Funktionen innerhalb des KJVD geriet er in Konflikt mit Polizei und Justiz. Bereits am 6. März, einen Tag nach der Reichstagswahl vom 5. März 1933, wurde er verhaftet, im „Braunen Haus“ in der Rheinstraße in Darmstadt verhört und dann mehrere Tage eingesperrt. Nach seiner Entlassung folgten Haussuchungen und weitere Schikanen. Da „eine normale Beschäftigung in [seinem] Beruf in absehbarer Zeit keineswegs in Frage käme, erst müsse [er] durch eine der neuen Ordnung dienlichen Arbeit beweisen, dass [er] ein brauchbarer Volksgenosse sei“ [1], wurde er Anfang Mai 1933 als Landhelfer zu einem Bauern aus Rimhorn im Odenwald zwangsverpflichtet. Krankheitsbedingt wurde seine Landhelferzeit schließlich Mitte August 1933 beendet. Zurück in Arheilgen geriet er wegen der Aufrechterhaltung seiner konspirativen Kontakte zu früheren Mitgliedern des KJVD wiederum ins Visier der Verfolger. Anfang September 1933 erschien ein Ortspolizist in Begleitung eines SA-Mannes in seiner Wohnung, sie verhafteten ihn und verhörten ihn zunächst auf der Bürgermeisterei. Später schleppten sie ihn in das örtliche Obdachlosenasyl. Im Laufe des Tages wurden weitere Genossen hier eingeliefert. Gegen Abend wurden er mit weiteren sieben Männern aus Arheilgen in das KZ Osthofen überführt. Zum „Empfang“ schoren Wachmänner ihm mit einer Büroschere die Haare. Ein Blick auf die malträtierten Körper der Mithäftlinge machte ihm deutlich, dass „Schlimmeres hätte passieren können“. Als gelernter Maurer wurde er im Herbst einer Baukolonne zugeteilt, die im KZ-Lager Schornsteine für kleine Heizöfen bauen musste. Der ehrenamtliche Lagerleiter d’Angelo, der die Dienste der Häftlinge gerne auch privat in Anspruch nahm, beauftragte Anfang Dezember einen Mithäftling, den Kupferschmied Wilhelm Lembert aus Arheilgen mit der Herstellung einer kupfernen Rauchtischplatte. Als „Entlohnung“ bot d’Angelo diesem die vorzeitige Entlassung an. Lembert bestand aber darauf, nur gemeinsam mit seinen Arheilger Kameraden das KZ-Lager zu verlassen. Der Lagerleiter willigte schließlich ein und stellte ihnen allen Entlassungspapiere aus. Philipp Benz wurde nach der Entlassung aus Osthofen wiederum arbeitslos und stand unter Beobachtung durch die Darmstädter Gestapo.
Zu Beginn des Jahres 1934 wurden er und andere kommunistische Funktionäre verhaftet und vom Oberlandesgericht Darmstadt wegen Vorbereitungen zum Hochverrat angeklagt. Die strenge Einzelhaft dauerte mehrere Monate. Der Hochverratsprozess vor dem Strafsenat des hessischen Oberlandesgerichts in Darmstadt gegen 34 Angeklagte wegen Kassierung und Abführung von Mitgliedsbeiträgen sowie Aufrechterhaltung einer verbotenen Organisation endete mit 17 Freisprüchen. Unter den Freigesprochenen befand sich auch Philipp Benz, die übrigen Beschuldigten erhielten Haftstrafen von bis zu zwei Jahren und sechs Monaten. Um der drohenden Gefahr erneuten Verhaftungen zu entgehen wechselte Benz in den nächsten Jahren ständig seine Arbeits- und Aufenthaltsorte. Dennoch hielt er die ganze NS-Zeit hindurch die Kontakte zu den Darmstädter Genossen und beteiligte sich an Sammlungen für die inhaftierten Genossen und deren Familien.
Erst nach 1945 kehrte Philipp Benz mit seiner Ehefrau, die ihn immer begleitet hatte, nach Arheilgen zurück und ließ sich dort als selbstständiger Architekt nieder. Die Erfahrungen mit der NS-Diktatur bewegten ihn nach 1945 dazu, sich historisch mit der Arbeiterbewegung und ihrem Scheitern kritisch auseinander zu setzen und daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen. Die Weitergabe seiner Erfahrungen war ihm immer ein wichtiges Anliegen. Seinen politischen Überzeugungen blieb er dabei lebenslang treu. Bis zum Verbot der KPD war er für seine Partei im Darmstädter Stadtrat, zeitweise war er auch Mitglied des Bauausschusses und hatte den Vorsitz im Sportausschuss übernommen. Auch beruflich als Architekt hatte er sich für die „kleinen Leute“ eingesetzt. 1949 hatte er die „Gemeinnützige Baugenossenschaft eGmbH Darmstadt-Arheilgen“ mit gegründet. Ziel der Baugenossenschaft war es, in Selbsthilfe im kriegszerstörten Darmstadt neuen, für Familien bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Benz konzipierte dafür drei Haustypen mit unterschiedlichen Wohnflächen.
Unermüdlich setzte er sich für ein würdiges Gedenken an die Verfolgten des Nationalsozialismus ein. Ein Beispiel dafür ist sein langjährig engagiert geführter Kampf um die Würdigung des Widerstandskämpfers und Mithäftlings im KZ Osthofen, Georg Johann Fröba. Der Schneidermeister Fröba war vor 1933 Vorsitzender des Deutschen Bekleidungsarbeiterverbandes - Zahlstelle Darmstadt, Vorsitzender der KPD Darmstadt und Stadtverordneter seiner Partei. Am 27. Oktober 1944 wurde er im Alter von nur 47 Jahren wegen seiner antinazistischen Tätigkeit in Frankfurt-Preungesheim hingerichtet.
Seit Beginn der 1970er Jahre bis zu seinem Tod engagierte sich Philipp Benz gemeinsam mit anderen ehemaligen Häftlingen des KZ Osthofen dafür, dass dort eine Gedenkstätte entstehen konnte. Über viele Jahre hat er dort als Zeitzeuge bei Führungen zur Verfügung gestanden und seit 1986 den neu gegründeten Förderverein Projekt Osthofen e.V. und seit 1991 die für die Gedenkarbeit zuständige Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz beim Aufbau der Gedenkstätte beratend unterstützt. Für sein vielfältiges Engagement wurde ihm 1976 durch Emil Carlebach, Präsidiumsmitglied der VVN-BdA, die Widerstandsmedaille dieser Organisation verliehen. 2007 wurde er in Anerkennung seiner Mitwirkung am Aufbau der Gedenkstätte in Osthofen mit dem Verdienstorden des Landes Rheinland-Pfalz ausgezeichnet.
Philipp Benz starb nach einem erfüllten Leben in seiner Heimatstadt. Gerne hätten wir seinen 100sten Geburtstag im nächsten Frühjahr mit ihm begangen. Wir werden ihn und seinen Mahnen für eine bessere Zukunft sehr vermissen.
[1] Philipp Benz. Zeugnisse, Darmstadt-Dieburg 2010, S. 122

Ministerpräsident Kurt Beck reagierte betroffen auf die Nachricht vom Tod des engagierten Mannes, der einen großen Beitrag zur Errichtung der Gedenkstätte am ehemaligen KZ in Osthofen geleistet hat.
Ein unermüdlicher Arbeiter gegen das Vergessen