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RLP

19.11.2012

Bericht über die Gedenkfeier am Volkstrauertag 18.11.2012 - Sinzig - Bad Bodendorf

Leitmotiv: „Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen“

Ansprache Uwe Bader, Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz

Sehr geehrte Frau Staatsministerin Lemke,
sehr geehrter Herr Landrat Dr. Pföhler,
sehr geehrte Abgeordnete, sehr geehrte Bürgermeister,
Vertreter der Kirchen und der Bundeswehr,
sehr geehrte Damen und Herren,

Das Nobelpreis-Komitee in Oslo hat vor wenigen Wochen der Europäischen Union  den Friedensnobelpreis verliehen. Das Komitee begründete die Entscheidung damit, dass die EU über sechs Jahrzehnte hinweg zu einem friedlichen Zusammenleben in Europa beigetragen hat. Von eher regionalen Konflikten an ihrer Peripherie abgesehen, die allerdings auch mit schlimmsten Verbrechen einhergingen, wie z.B. nach dem Zerfall Jugoslawiens, blieben die heute zur EU zählenden Staaten von kriegerischen Auseinandersetzungen verschont. Das ist im Rückblick auf die lange Geschichte von Kriegen und gewaltsamen Konflikten eine wirklich positive und für die Zukunft ermutigende Entwicklung auf unserem Kontinent. Sie darf uns aber nicht dazu führen, im Einsatz für Frieden und Verständigung nachzulassen. Wir dürfen nicht glauben, der Frieden sei nun dauerhaft gesichert und ungefährdet.

Dass diese Auszeichnung der Europäischen Union 2012 möglich wurde, ist sicherlich auch ein Verdienst der Bekenntnisse der meisten ehemaligen Weltkriegsteilnehmer, die mit Losungen wie „Nie wieder Krieg“ an Volkstrauertagen und an anderen Gedenktagen vor neuerlichen kriegerischen Auseinandersetzungen gewarnt haben. Es setzte sich nach zwei kurz hintereinander folgenden Weltkriegen zumindest in Westeuropa die Auffassung durch, dass es auch bei brisanten Streitfällen zu politischen Verhandlungen keine Alternative geben könne. Bei einem neuerlichen Krieg könnte es auf allen Seiten der Konfliktgegner nur Verlierer geben.

Der Volkstrauertag wurde in der Bundesrepublik erstmals 1952, also vor 60 Jahren wieder eingeführt. Ursprünglich war er vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge 1919 als Gedenktag für die im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten vorgeschlagen worden. Nachdem 1922 eine erste Gedenkstunde im Reichstag abgehalten worden war, wurde ein Volkstrauertag in der Weimarer Republik erstmals 1926 begangen.

Wir wissen heute, dass dieses Gedenken mit der Ausrichtung auf den Erhalt des Friedens nicht lange Bestand hatte. Spätestens 1934, als die Nationalsozialisten – nomen est omen – aus dem Volkstrauertag den „Heldengedenktag“ machten, ging es nicht mehr darum, Trauer über die gefallenen Soldaten zu bekunden. Nun ging es um Heldenverehrung, Krieg erschien nun erneut als erforderlich für das sogenannte nationale Interesse. Nur eineinhalb Jahrzehnte nach dem Ende des Ersten Weltkrieges, der Europa an den Abgrund geführt hatte, wurde die Option Krieg wieder salonfähig gemacht.

Man wusste spätestens seit 1945, wohin das führte.  Seit der Nachkriegszeit waren die allermeisten Menschen, die die NS-Diktatur und den Zweiten Weltkrieg überlebten, davon überzeugt, dass es durch neuerliche Kriege keine menschenwürdige Zukunft geben könne. Heute - 67 Jahre nach Kriegsende - wissen wir aber auch, dass noch immer nicht alle so denken. Es gab und gibt alte unbelehrbare wie junge, neu verführte Menschen, die die historische Lektion nicht gelernt haben.

Es ist nun auch schon über 25 Jahre her, dass Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 analysiert hat: „… wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte. Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.“

So können wir auch nicht das Schicksal der deutschen Soldaten, die in der Kriegsgefangenschaft unter alliierter Regie gestorben sind, und die hier in Bad Bodendorf und auf anderen Soldatenfriedhöfen begraben sind, von der Zeit der NS-Diktatur trennen. Ohne den von NS-Deutschland angezettelten Krieg hätte es keine Gefallenen gegeben, die für ein vermeintliches nationales Interesse bzw. für den Größenwahn einer verbrecherischen Regierung ihr Leben lassen mussten oder freiwillig gelassen haben. Auch das Schicksal der Kriegsgefangenen ist untrennbar mit dem nationalsozialistischen Vernichtungskrieg verbunden.

Vor einer Woche war ich im Rahmen der Partnerschaft zwischen Rheinland-Pfalz und der polnischen Woiwodschaft Opole mit einer Lehrergruppe auf den Friedhöfen des Kriegsgefangenenlagers Lamsdorf in Schlesien bei Oppeln. Dort sind in Kriegsgefangenschaft unter deutscher Regie  gestorbene Soldaten aus den Kriegen 1870/71, von 1914 bis 1918 und von 1939 bis 1945 begraben. Allein 40.000 sowjetische Kriegsgefangene fanden dort im Zweiten Weltkrieg den Tod und sind dort namenlos im Massengrab bestattet. Dass dort auch deutsche Zivilisten 1946, die in einem polnischen Arbeitslager vor ihrer Vertreibung nach Westen interniert worden waren, sterben mussten, macht den Ort in seiner historischen Bedeutung noch umfassender. Im Kriegsgefangenenmuseum Lamsdorf wird auch an die stalinistischen Verbrechen, z.B. an die sowjetischen Massaker an den polnischen Offizieren in Katyn, erinnert. In vorbildlicher Weise wird dort das Thema Kriegsgefangenschaft multiperspektivisch behandelt, so dass rein nationale Sichtweisen auf die Kriegsgefangenen sehr schnell als unzureichend erkannt werden.

Die Friedhöfe dort in Polen wie auch hier in Rheinland-Pfalz und ihre jeweiligen historischen Hintergründe führen uns und den nachfolgenden Generationen eindrucksvoll vor Augen, was mit Soldaten passieren kann, wenn sie während eines Krieges in Gefangenschaft geraten. Eigentlich konnte man das schon in den 1930er Jahren wissen, nachdem der Erste Weltkrieg mit noch geringerer militärtechnischer Ausstattung schon fast 10 Millionen Gefallene und rund 20 Millionen Verwundete hervorgebracht hatte.

Aber für Extremisten und für Politiker, die ein Volk oder eine Menschengruppe über andere erheben wollen, sind Gewalt, Intoleranz und Krieg ein erfolgversprechender Weg. Und Krieg ist für Diktatoren häufig das einzige Mittel, um sich an der Macht halten zu können. Ohne den Völkermord und den Krieg wäre auch das national-sozialistische Deutschland nicht finanzierbar gewesen. Wenn die ab 1939 unterworfenen Völker nicht ausgebeutet worden wären, hätte es in Deutschland schon vor der militärischen Niederlage den wirtschaftlichen Kollaps gegeben. Auch solche Erkenntnisse müssen wir für die Zukunft stets im Auge behalten.

Umso wichtiger ist es, dass junge Menschen aller Länder an Soldatenfriedhöfe wie in Lamsdorf oder auch hier in Bad Bodendorf herangeführt werden. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge leistet diesbezüglich seit Jahrzehnten eine äußerst wertvolle Arbeit. Die Workcamps, an denen sich Jugendliche verschiedener Länder bei der Friedhofspflege beteiligen, sind aus meiner Sicht wie die Freiwilligenarbeit von Aktion Sühnezeichen unverzichtbare Elemente für die Völkerverständigung. Wie bei der Erinnerungsarbeit an den Gedenkstätten der Konzentrationslager gilt auch auf den Soldatenfriedhöfen, dass das Gedenken verbunden mit der historisch-politischen Aufklärungsarbeit wegweisend ist für eine den Frieden bewahrende Zukunft. Diese Projekte sind auf europäische Zusammenarbeit ausgerichtet.

Solche auch mit praktischen Pflegearbeiten kombinierten gemeinsamen Erinnerungsprojekte verfehlen ihre Wirkung nicht, weil die Lebensschicksale der zuvor unbekannt gebliebenen Kriegstoten in den Mittelpunkt rücken. Es geht pädagogisch darum, an Einzelschicksalen aufzuzeigen, wohin frühere Regierungen ihre Untergebenen mit  Kriegstreiberei und Menschenverachtung geführt haben.

Das Leitmotiv des heutigen Volkstrauertages lautet „Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen“:

Ich bin kein Theologe und möchte daher den Theologen und Philosophen Albert Keller, der dem Jesuitenorden angehörte und 2010 verstarb, zitieren. Er hat 2007 im Hinblick auf das Leitmotiv geschrieben:

„Unmenschlichkeiten und Ungerechtigkeiten sind, gerade wenn andere darunter zu leiden haben, keineswegs ‚um des lieben Friedens willen‘ tatenlos hinzunehmen. Wer ihnen nicht ihren Lauf lässt, schafft sich Feinde. Aber er wird, wenn er sich am Christentum orientiert, diese nicht gehässig bekämpfen. Seine Empörung wird sich auf das Unrecht konzentrieren - nicht auf diejenigen, die es verüben. Nur wer sich bemüht, das gewiss nicht leichte Gebot Christi zu befolgen: ‚Liebt eure Feinde, tut denen Gutes, die euch hassen‘, kann einen Weg finden, der zu einem echten engagierten Frieden und zu wahrer Toleranz führt und zuletzt allein jedem Terrorismus den Boden entzieht.“

Der Jesuit Keller forderte vom christlichen Standpunkt aus zurecht, dass man immer wieder versuchen müsse, denjenigen, der anderen seine gefährliche und bedrohende Meinung aufzwingen und sich über andere erheben will, nicht einfach bei seiner Meinung zu belassen. Er forderte dazu auf, „mit ihm zu diskutieren und zu versuchen, ihn vom Besseren zu überzeugen.“ Unmenschliche Mentalitäten müssen nach Auffassung Albert Kellers durch geistige Auseinandersetzung bekämpft und korrigiert werden.

Ich als Mitarbeiter der Landeszentrale für politische Bildung bin der Auffassung, dass in dieser Hinsicht in Rheinland-Pfalz und in ganz Deutschland viel getan wird, um dieser Forderung, „denen Gutes zu tun, die uns hassen“ nahe zu kommen. Das grundsätzliche Toleranzgebot, dass zuvorderst für alle Menschen gilt, wird in der Regel dadurch gewahrt, dass jeder seine Meinung frei äußern darf. Historisch-politische Aufklärungsarbeit in der Schul-,Jugend- und Erwachsenenbildung, das Programm „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“, das Aussteigerprogramm, das Neonazis Chancen bietet, sich aus der radikalen Szene loszusagen, sind nur einige Beispiele dafür, dass Staat und Bürger sich nicht von vornherein von Menschen abwenden, die extremistische und oft auch intolerante Haltungen offenbaren.

Politisch gesehen erfährt das Leitmotiv meiner Meinung nach allerdings dort seine Einschränkung, wo Toleranz im Hinblick auf unterschiedliche Meinungen dafür ausgenutzt wird, den Frieden und die Demokratie zu untergraben. Wenn gegen alle historische Erkenntnis erneut mit Nationalismus, Rassismus und Menschenverachtung daran gearbeitet wird, dann müssen hier klare Grenzen gesetzt werden. Unter dem Deckmantel des Erinnerns und Gedenkens an vermeintlich vergessene Opfer wird zunehmend versucht, Aufrechnung zu betreiben und mit Blick in die Vergangenheit Angreifer und Angegriffene auszutauschen. Allzugern werden Zusammenhänge und Hintergründe für das Geschehen in den alliierten Kriegsgefangenenlagern ausgeblendet. Wenn die Schicksale gefallener oder in Gefangenschaft zu Tode gekommener Soldaten für Geschichtsfälschungen ausgenutzt werden, muss das entlarvt und entschieden zurückgewiesen werden.  

Der von rechtsextremer Seite versuchten Vereinnahmung der Gedenkorte an den ehemaligen Rheinwiesenlagern und der Instrumentalisierung der Gräber von gefallenen oder in Kriegsgefangenschaft verstorbener Soldaten muss entgegengearbeitet werden. Eine wissenschaftliche Tagung, die im August dieses Jahres in der Gedenkstätte KZ Osthofen zum Thema „Kriegsgefangenschaft 1939 bis 1950“ durchgeführt wurde, war ein erster Anfang in dieser Richtung. Die Dokumentation dieser Tagung, die alle Formen von Kriegsgefangenschaft während und nach dem Zweiten Weltkrieg unter die Lupe nahm, erscheint bei der Landeszentrale für politische Bildung in der nächsten Woche. Darin wird auch über die bislang tatsächlich ermittelten Opferzahlen auf wissenschaftlicher Basis informiert. Es geht dabei nicht darum, zu relativieren. Jeder für diesen von den Nationalsozialisten herbeigeführten Krieg gefallener oder gestorbener Soldat war einer zu viel! Es geht in der Dokumentation auch um die Einbindung dieser Todesfälle und ihrer Dimension in den Gesamtkontext der Folgen der deutschen Politik der Jahre 1933 bis 1945. Es darf auch nicht vergessen werden, dass das persönliche Leid über die Opfer von Krieg, Diktatur und Gewaltherrschaft überall auf der Welt ähnlich ist. Darum ist es auch so wichtig, dass die Versöhnungsarbeit über den Gräbern international erfolgt und dass sich Deutschland daran besonders intensiv beteiligt.

Auch der am 30. Oktober vom Landkreis Ahrweiler erstmals vorgestellte Film „Die Kriegsgefangenenlager Remagen-Sinzig 1945“ dient der sachlichen Aufklärung über das historische Geschehen. Und er ist ein wichtiges Medium zur Abwehr der auch hier in der Region in letzter Zeit öfters erfolgten Instrumentalisierung des ehemaligen Lagers für Geschichtsfälschungen und erfundene Mythen. Die hier begrabenen Toten des Krieges können sich gegen die Nutzung ihrer Gräber für unfriedliche und unzulässige Zwecke nicht zur Wehr setzen. Darum stehen wir alle gegenwärtig in der Pflicht, aufzupassen, dass das nicht mehr passieren kann. Ich begrüße daher sehr das von zahlreichen Initiativen vorbereitete Programm für den Tag der Demokratie am 24. November in Remagen.

In den Erinnerungen des beim Erscheinen seiner Schrift 80jährigen Herrn Crottendorfer, der 1945 im Kriegsgefangenenlager in Sinzig gefangen war, steht über seine Zeit als Jugendlicher und Schüler: „Die Erste-Weltkriegs-Generation hätte uns besser aufklären müssen. Keiner der überlebenden Soldaten, auch mein Vater, erzählte uns von den Grausamkeiten des Krieges, die erkennbar wurden auf den Hauptverbandsplätzen hinter der Front. Sanitätsgefreite entschieden dort über Leben und Tod. Verwundete mit abgerissenen Gliedern, durchschossenen Körpern, Hilfe rufend nach ihrer Mutter, wurden verschwiegen. Man erzählte nur die angeblichen eigenen ‚Heldentaten‘…“

Dies zeigt uns, wie wichtig es war, ist und auch in Zukunft bleibt, an das Kriegsgeschehen, an die dafür verantwortliche Politik und vor allem an die Leiden der Soldaten zu erinnern. Gewaltverherrlichung und Gewaltverharmlosung, Nationalismus, Rassismus und Legendenbildung gilt es kompromisslos abzuwehren.

Mein Patenonkel, Jahrgang 1921, der im April 1948 aus sowjetischer Gefangenschaft aus Karaganda nach Hause kam, schrieb rückblickend 40 Jahre später:

Die Zeit war niemals ‚hoch‘ noch ,her‘, sie war nur blutig, hart und schwer, nur Kummer, große Angst und Pein, und sollte ewig ‚Mahnung‘ sein !