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Arbeit mit Zeitzeugeninterviews

Zeitzeugeninterviews: Michel Goltais und Peter Hassall

Übersetzung des Einzelinterviews mit dem ehemaligen Hinzerthäftling Herr Michel Goltais, Paris 16.03.1996

Das „Mittagessen“

„Wir wurden um 4 Uhr morgens geweckt. Am morgen, wenn wir zur Arbeit gingen bekamen wir eine Tasse heißes Wasser, die sie auch Kaffe nannten, sonst nichts.

Die Außenkommandos außer das Romika- Kommando kamen alle mittags zurück ins Lager. Es gab im Speisesaal eine Suppe. Auf einem großen Tisch waren die Essensschüsseln aufgereiht. Man musste die Schüssel nehmen, die vor einem stand, auch wenn die daneben vielleicht voller war, denn sonst war einem die Strafe schon sicher. Ein Knüppelschlag oder Essensentzug. Dann gingen wir zu den Tischen. Es gab einen Tischchef, der den Tisch füllen musste, denn die Tische sollten immer vollständig sein. Wenn alle Tische besetzt waren, piff ein SS „anfangen“. Man musste sich erst hinsetzen ohne sich zu rühren, vor seiner Schüssel sitzen und das Signal für den Anfang abwarten. Es gab eine klare Suppe, oft mit gekochten Erdrüben oder Kohl, manchmal mit ein wenig Kartoffeln. Jedenfalls war es immer eine sehr klare Suppe mit ca. einem Liter Flüssigkeit und sehr heiß. Wir hatten nur den Löffel und durften die Suppe nicht trinken. Da die Suppe sehr heiß war konnten wir sie nie fertig essen, auch wenn wir es versuchten. Denn wenn es hieß „fertig“, durften wir kein Geräusch mehr machen, weder mit dem Löffel noch mit dem Mund. Sonst setzte es mit dem Gummiknüppel.

Dann gingen wir wieder raus, und oft standen Pammer und Schaaf- deren Namen weiß ich- mit Knüppel vor der schmalen Tür. Oder sie hatten einen Feuerlöscherschlauch. Der eine spritzte uns nass, der andere schlug auf uns ein. Ich bekam einige Schläge ab. Aber da ich sehr klein war, habe ich immer versucht, mich noch kleiner zu machen und durch die Mitte zu gehen. Ich wurde nass, habe aber nicht so viele Schläge abbekommen, weil ich das Glück hatte klein zu sein. Das ist manchmal ein Glück.

Die Pause dauerte etwa eine halbe Stunde. Dann mussten wir wieder zurück zur Arbeit, entweder zu den Kommandos im Lager oder zu den Außenkommandos.

Wenn man beim Kohle-Kommando arbeitete lief man morgens zweimal und nachmittags zweimal den Weg, d.h. insgesamt zwischen 32 und 38 km hin und zurück. Zu zwanzig Männern trugen wir 8 Tonnen Kohle an einem Tag.

Abends kamen wir zurück, und am Ende des Kommandos gab es noch einmal einen Appel. Es gab dauernd Appelle. Wenn alle Kommandos vollständig waren, gingen wir zurück in die Baracken. Da standen in einer Ecke Tische für das Abendbrot. Abends gab es immer ein Stück Brot mit einer Wurst. Am Anfang bekamen wir einen runden Brotlaib für 4 Personen, später für 6, am Ende für 8, d.h es war nicht sehr viel. Es kam auch vor, dass wir- zur Strafe oder aus reiner Boshaftigkeit- wenn wir gerade unser Abendessen aufgegessen hatten, im Lautsprecher hörten, dass wir für den nächsten Morgen Essen aufbewahren sollten, weil es dann nichts mehr geben würde. Es kam  sehr oft vor, dass es mitten in der Nacht Appelle gab. Ein Pfiff durch den Lautsprecher: „Aufstehen, los raus auf den Hof!“ Ein Appell dauerte eine Stunde, höchstens zwei, so lange wie sie brauchten, um sich etwas zu amüsieren. Um drei Uhr morgens legten wir uns dann schlafen, um vier Uhr wieder aufzustehen.

Am schlimmsten für mich in Hinzert- ich habe keine direkten Schläge bekommen, sondern nur im Vorbeigehen oder in die Menge hinein- der Hunger und der Durst und auch der Schlafmangel. Denn wir gingen ungefähr um 22 Uhr schlafen. Von vier Uhr morgens bis 22 Uhr abends waren es also 18 Stunden; es blieben nur sechs Stunden, um zu schlafen und das auch nicht immer. Mit 15 Jahren fand ich das als besonders hart.“

Bericht des britischen Häftlings Peter Hassall über die „Tischsitten“ in Hinzert

„Gegen Mittag hörten wir wieder das gewohnte Gebrüll, die Schreie und Pfiffe. Die „Stimme“, die über den Lautsprecher kam, befahl uns, uns ordentlich zu kleiden und unsere Näpfe und Essgeschirr mit in die Kantinenbaracke zu bringen. Wir wurden vom Stubenältesten zusammengerufen und verließen im Laufschritt die Baracke. An der westlichen Seite des Blockes schlossen wir uns einer anderen Gruppe an, die sich bereits aufgereiht hatte, um in die Kantinenbaracke zu gehen, bzw. zu rennen. Ich bemerkte, wie Maurice versuchte, sich ein wenig kleiner zu machen, indem er seinen Nacken zwischen die Schultern klemmte und seinen Oberkörper nach vorne strecke, sodass man ihn unter den kleineren europäischen Kameraden weniger leicht ausmachen konnte.

Als wir an den Lattenrosten, die zur Kantine führten, ankamen, warteten dort bereits mehrere SS-Männer und Kapos auf uns. Ihr Ziel war es, jeden zu schlagen, der die fünf Stufen, die zur Kantinenbaracke führten, heraufkam. Maurice und ich aber befanden uns in der mittleren Reihe und entgingen so den meisten Schlägen.

In der Baracke saßen etwa 200 Häftlinge entlang der hölzernen Tische. Ihre Suppe war schon ausgeteilt, aber sie hatten sie noch nicht berührt. Sie saßen starr in Hab-acht-Stellung, blickten geradeaus und hatten die Arme verschränkt, denn sie warteten, bis der letzte Mann seine Suppe ausgeschenkt bekam. Der Grund: Es war solange verboten zu essen, bis ihnen der kommandierende SS-Mann in der Kantine die Erlaubnis dazu gab, und für diese spezielle Schicht war es Georg Schaaf.

Schaaf war eher eine gedrungene Person mit dünnem, roten Haar und eher rötlichem Gesicht. Seine eiskalten blauen Augen waren die einzigen arischen Merkmale, über die er verfügte. Sein Lieblingssport bestand darin, Häftlinge zum Stolpern zu bringen, um sie dann anschließend mit seinen Stiefeln „zu erledigen“ oder mit dem immer mitgeführten Stiel einer Hacke oder einer kleinen Axt, die er immer in seinem Gürtel trug. Während wir auf die Ausgabe der Suppe warteten, beobachteten wir, wie dieser Wahnsinnige durch die Reihen der sitzenden Männer rannte und wahllos auf diese mit einem Knüppel einschlug. Er steigerte sich dabei so in Rage, dass sein Mund schäumte und Speichel dabei auf die sitzenden Häftlinge floss, denen nicht erlaubt war, sich zu bewegen, sobald sie saßen.

Aus einem großen Kessel schöpfte ein gut genährter Häftling einen etwa dreiviertel Liter einer dünnen Wassersuppe in unsere Näpfe. Es war ganz offensichtlich, dass er – falls ihm das Gesicht des Gefangenen gefiel – tief unten in dem  Kessel rührte und die Kelle wieder mit einem festen braunen Etwas auftauchen ließ, was bei mir aber nicht der Fall war. Nach der Ausgabe leiteten uns Kapos zu unseren Plätzen, wo wir strammzustehen hatten, die Augen gerade ausgerichtet, während dieses Gebräu kalt wurde. Als der letzte Mann bedient war, brüllte Schaaf: „Fresst! Ihr habt 10 Minuten!“. Er wählte natürlich nicht die höfliche Variante „essen“, sondern spie das Verb „fressen“ aus, ein Wort das normalerweise Tieren zugeschrieben wird.

Das Schweinefutter schmeckte exakt nach verbranntem und verkochtem Mehl  mit einem leichten Farbzusatz, und während wir aßen, erinnerte uns Schaaf fortwährend daran, wie viele Minuten zum Essen noch übrig waren. Eine Minute vor Ende begann er die Sekunden herunterzuzählen,  und während des Countdowns hätte man schon blind sein müssen, um die SS und Kapos nicht zu sehen, die sich schon in Erwartung unseres Wegtretens versammelten.

Zehn Minuten, um diese Brühe zu essen, wären gar nicht notwendig gewesen, denn sie war bereits kalt, und dennoch schrieben uns die SS-Männer die „Tischmanieren“ vor, indem sie uns anwiesen, den Löffel der „Suppe“ zu den Lippen zu führen, ohne dass sich der Oberkörper über den Napf beugt. Jenen, deren Tischmanieren der SS missfiel, kippte man die Suppe über dem Kopf aus, und danach wurden sie unter Schlägen aus der Kantine hinausgeprügelt. Nachdem die zehn Minuten vorbei waren, befahl uns Schaaf strammzustehen  und führte uns aus der Kantine heraus. Beim Ausgang standen vier SS-Männer und zwei Kapos, die alle mit Hackenstielen und Knüppeln bewaffnet waren. Und während die Häftlinge sich zusammendrängten, um durch die Doppeltür zu kommen, schlugen sie nach allen. Sie gaben sich nicht damit zufrieden, auf wehrlose Häftlinge einzudreschen. Diese Sadisten brüllten sich die Lunge aus dem Leib, gaben uns die widerlichsten Namen, die man sich nur vorstellen kann, und unterstrichen ihre (Hetz-)Phrasen mit Begriffen wie „Terroristenschweine“. Schweiß tropfte von ihren Gesichtern, während sie versuchten, uns größtmögliche körperliche Schäden zuzufügen, und das in möglichst kurzer Zeit. Da der Ausgang aus der Kantine sehr eng war, verursachte er einen Rückstau von drängelnden, drückenden und schwitzenden Körpern. Dies ermöglichte diesen Wilden für eine längere Zeit, auf die ausgezehrten und erschöpften Häftlinge einzuschlagen, während diese versuchten, unversehrt aus dem Ausgang zu kommen. Maurice schnappte mich und stürzte sich in die Mitte der Meute, und so schafften wir es, aus der Kantine herauszukommen, ohne getroffen zu werden. Draußen standen zwei SS-Männer jeweils oben und unten an der Treppe, und sie alle waren mit Hackenstielen bewaffnet. Genau wie die anderen brüllten und  schrieen sie und versuchten jeden zu treffen, der die fünf Treppenstufen herunterkam. Pammer trat dabei besonders hervor und stach aus dem Rest dieser Wahnsinnigen heraus, denn er war der Lauteste und Aktivste. Ich bugsierte Maurice zur Mitte der kämpfenden Meute, wo wir das Glück hatten, nicht von der SS getroffen zu werden, indes war die Sache für uns noch nicht erledigt, denn entlang der Lattenroste standen mehrere Kapos, die von ihrem Oberkapo Wipf  angeführt wurden“.

Die Arbeitsauftrage zu den Zeitzeugeninterviews werden nach Rücksprache individuell angepasst. 

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