Von Anna Hartnack
Als sie anfing, saß sie ganz alleine im Büro. Also – fast alleine. Mit dabei waren von Anfang an ihre Hunde. Mittlerweile hat Beate Welter, Leiterin der Gedenkstätte Hinzert, ein Team. Dieses Team wird nun bald ohne sie auskommen müssen. Nach 17 Jahren als Leiterin der Gedenkstätte geht die 68-Jährige Ende des Monats in den Ruhestand.
„Ich habe von Anfang an hier Gruppen betreut“, sagt die promovierte Historikerin. „Außerdem habe ich pädagogische Arbeit gemacht.“ Aufgebaut ist die Dauerausstellung in der Gedenkstätte nach Themen, und stets festgemacht an Namen und Biografien von Häftlingen, Ermordeten und Tätern. Zu sehen sind unter anderem Lageruniformen, die Überlebende des KZ Hinzert dem Museum zur Verfügung gestellt haben. Auf der Jacke befand sich hinten ein großer weißer Punkt: eine Zielscheibe. Im Fall eines Fluchtversuchs. Der jüngste Häftling, von dem man in Hinzert weiß, war bei Einlieferung 14 Jahre alt: Dimitri Pitrejanko. Er wurde weiter nach Buchenwald deportiert – es gibt keine Hinweise darauf, dass er das KZ wieder verlassen hat. „Mein Ziel ist nicht, dass die Menschen betroffen sind“, sagt Beate Welter. „Sondern bewegt.“
Warun die Gedenkstätte Hinzert eng mit Luxemburg zusammenarbeitet
Wichtig war ihr bei Beginn außerdem, dass Hinzert auch überregional bekannt wird. Der Schwerpunkt der überregionalen Zusammenarbeit liegt auf Luxemburg, denn viele luxemburgische Männer kamen ins KZ Hinzert. Zur Bekanntheit gehört auch, dass Historiker zu Hinzert forschen. „Jeder ehemalige Praktikant der Gedenkstätte hat sich in der Forschung auch mit Hinzert befasst“, sagt Welter. Zum Beispiel mit den Fremdenlegionären oder den Nacht-und-Nebel-Gefangenen.
Stolz ist Welter auf den Wissenssprung beim Thema „Eindeutschungspolen“ durch die Arbeit der Gedenkstätte. Männern aus dem Gebiet des heutigen Polens, Belarus, Russlands und der Ukraine waren Liebesbeziehungen mit deutschen Frauen verboten. Wenn die aber – meistens wegen einer Schwangerschaft – ans Licht kamen, stellte man anhand von vorgegebenen äußeren Erscheinungsmerkmalen fest, ob die Männer „deutsch genug aussahen“, um eingedeutscht zu werden. Im KZ Hinzert wurden die osteuropäischen Männer so lange gefangen gehalten, bis man dort über deren Eindeutschung entschied. Bewähren sollten sie sich als Wächter. Die Verwandten wurden anhand der gleichen Kriterien evaluiert. Waren auch sie „deutsch genug“, entschied der Kommandant des Lagers über die Eindeutschung. Fiel die Entscheidung positiv aus, mussten sie die deutsche Frau heiraten.
Zusammen wohnen durfte das Paar nicht. Die Frauen wurden zwei Jahre ins Frauen-KZ Ravensbrück gebracht. Zur Geburt durften sie nach Hause, mussten aber drei Monate später zurück ins KZ. Die Kinder blieben bei den Großeltern. Oft auch bis zum Erwachsenenalter, denn zahlreiche Mütter überlebten das KZ nicht. Mit vielen Nachkommen aus diesen Beziehungen hat Beate Welter als Teil ihrer Forschung sprechen können. „Ich habe mit keinem dieser Kinder aus solchen Beziehungen gesprochen, die ein normales Verhältnis zu ihren Eltern hatten. Sie sind traumatisiert“, sagt Welter.
Stolz ist Welter auch auf die Beziehungen, die sie mit den Luxemburger Überlebenden und deren Nachkommen hat. Sie war seit Beginn ihrer leitenden Funktion bei den Gedenkveranstaltungen in Luxemburg anwesend. „Ich habe mich an den Rand gesetzt“, sagt sie. „Niemand hat am Anfang mit mir geredet. Nach sechs Veranstaltungen haben sie gemerkt, wie ernst wir es mit der Aufbereitung und Gedenkarbeit meinen. Die Luxemburger haben mich begrüßt: Moien, schön, dass Sie hier sind.“
Beate Welter freut sich auf die Rente, zusammen mit ihrer treuen Begleiterin. „Als ich angefangen habe, habe ich gesagt, ich übernehme die Leitung nur, wenn ich meinen damaligen Golden Retriever mitbringen kann,“ sagt Welter. Heute begleitet sie die Mischlingshündin Dragutza jeden Tag zur Arbeit. Ihr Name bedeutet lieb, oder goldig, auf Rumänisch. Welter spricht fließend Rumänisch – auch ihre Dissertation hat sie über rumänische Geschichte verfasst.
Diese Aufgaben hinterlässt Beate Welter ihren Nachfolgern
Nun ist Welter in ihrer letzten Arbeitswoche. „Ich hatte gehofft, dass ich bis zur Fertigstellung des neuen Nebengebäudes hier bin.“ Noch ist es von einem Baugerüst verhüllt. Zwei Seminarräume und das Büro ziehen dort ein. Dann hat die Abteilung Pädagogik im Hauptgebäude mehr Platz. Welters Ziel für die Schülergruppen: dass sie über Ausgrenzung nachdenken und sprechen, über Artikel 1 des Grundgesetzes, und dass sie verstehen, warum sich auch die Polizei an Regeln halten muss.
Einerseits komme sie jeden Morgen ganz normal zur Arbeit: Computer einschalten, E-Mails beantworten. Andererseits: „Das ist kein Job von neun bis 17 Uhr“, sagt sie. Einige Geschichten nehme sie mit nach Hause. „Ich lese nicht jeden Tag Berichte von Häftlingen“, sagt sie. Was sie über die schlimmen Foltern im KZ Hinzert weiß, sagt sie in Vorträgen nicht. Sie möchte den Menschen ihre Würde nicht noch einmal nehmen.
Ganz fertig ist Welter mit Hinzert auch nach 17 Jahren nicht. „Ich hätte mir geologische Untersuchungen zum Gelände gewünscht“, sagt sie. Außerdem: Es liege noch eine lange Liste mit Namen von Häftlingen im Archiv, die aufbereitet werden müssten.“ Aber die Rente kommt. „Und Dragutza kommt mit“, sagt Welter. „Aber sie weiß noch nicht, dass nächste Woche ein neues Leben anfängt.“

